Bäderarchitektur

"Rügen im Zeichen der Bäderarchitektur" v. Th. Anders

Die Geschichte der Bäderarchitektur ist auch die Geschichte der Entwicklung der Seebäder. Sie entstanden in Deutschland im Ursprung zur Zeit der Romantik: „Der Mensch begeisterte sich wieder für die urwüchsigen Kräfte der See, denen er sich nun zuwandte, statt sich gegen sie abzuschirmen.“

Und so wurde das wohl älteste pommersche Seebad – das übrigens auch das älteste Seebad Preußens war – 1814 in Rügenwaldermünde begründet. Dem allgemeinen Trend folgend, entstanden später aus vielen kleinen Fischerdörfern die Seebäder, deren Namen uns bis heute vertraut sind. Ihre Anzahl scheint an der Pommerschen Küste unbegrenzt und sie ziehen sich gleich einer Perlenschnur von der vorpommerschen Halbinsel Darß bis nach Stolpmünde in Hinterpommern.

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Dennoch war die damalige Zeit keineswegs romantisch. Die pommersche Wirtschaft befand sich zur Zeit der Entstehung der ersten Badeorte in einem radikalen Umbruch: Während die Landwirtschaft durch die wachsende Industrie bereits an Bedeutung verlor, stagnierte der Fischfang durch die Vernichtung der Laichplätze. Dadurch waren auch die Fischer auf die Zuverdienste, die sich durch die Entstehung der Badeorte ergaben, angewiesen.

Diese neuen Badeorte entwickelten sich jedoch durch die politischen und wirtschaftlichen Umstände sehr unterschiedlich. Heute unterteilt man die Entwicklung der Seebäder in vier Phasen. Bis 1830 entstandene Seebäder verdanken ihre Gründung dem Willen geschäftstüchtiger Unternehmer oder souveräner Landesherren, wie zum Beispiel Wilhelm Malte zu Putbus. Er gründete 1816 das erste Rügener Seebad in Lauterbach bei Putbus. Bedingt durch die künstliche Anlage und die meist ungünstige Lage, begann die zweite Phase. Seebäder wurden nun an herrlichen Außenstränden, wie beispielsweise Swinemünde, Ahlbeck, Binz oder Sassnitz errichtet. Als Folge der grundlegenden gesellschaftlichen Wandlungen blühte ab etwa 1880 auch der Fremdenverkehr auf. Badeorte wie Göhren oder Sellin begründeten somit ihre Tradition erst in der dritten Phase. In der vierten Phase erfolgte der Bau von Seebädern durch staatliche Lenkung. Der einzige Vertreter dieser Phase ist in Deutschland das KdF-Seebad Rügen (Prora).

Ist der Sinnbegriff „Bäderarchitektur“ bei einer Zeitspanne von mehr als einhundert Jahren treffend? Natürlich, jedoch findet er heute hauptsächlich Anwendung bei Bauten der zweiten und dritten Phase. In diesem Zeitabschnitt kann man durchaus von einem augenfälligen und häufigen Ausdrucksmerkmal sprechen. Bei genauerer Betrachtung war die Bautätigkeit jedoch verschiedenen Stilelementen unterworfen. Dabei spielte übrigens der Einfluss des Historismus und des Jugendstils ebenso eine Rolle wie die allgemeine Norwegenbegeisterung als Folge der Nordlandfahrten des Kaisers Wilhelm II.

Zu diesem Zeitpunkt boten sich bereits neue Materialfertigungen für Eisen, Glas und Beton an. Techniken wie der Stahlguss, der Eisenskelettbau oder die Vorfertigung von Bauelementen und Glasrasterflächen waren damals der neueste Stand der Technik.

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Was also tun? Die neuen Hotels und Pensionen waren schließlich Zweckbauten. Sie folgten, bei aller heutigen Verklärung, der Notwendigkeit eine Vielzahl von Gästen unterzubringen.

Das „Loggiahaus“ kam in Mode. (Loggia: Terrasse, Balkon) Es bot die maximale Raumausnutzung. Vor ein einheitlich geplantes Haus mit einem relativ flachen Dach wurde nachträglich das Loggiagerüst gesetzt. Die Fassadengliederung wurde dabei vernachlässigt. Bedingt war dies dadurch, dass viele der Häuser sich aus bereits vorhandenen Häusern entwickelten, die nun aufgestockt und nachträglich an die Bettennachfrage angepasst wurden, Ausbauhäuser sozusagen. Die Loggia gilt dabei als selbstständiges Bauteil ohne konstruktive Verbindung zum Baukörper. Diese meist kostenbedingt aus Holz gefertigten Balkone prägen durch ihre Achsabstände, das Entrücken einzelner Holzstiele und die Verzierungen mittels Kopfbändern und Schmuckelementen die Ansicht des „Loggiahauses“. Nachgewiesen werden konnte in diesem Zusammenhang auch der Einfluss von bekannten Vorlagenzeichnern für Anwendungsbücher der Laubsägearchitektur auf die Bäderarchitektur. So entsprechen zum Beispiel die Schmuckelemente der Villa „Mignon“ in Binz den Entwürfen von Max Graef.

Ähnlich dem Loggiahaus wurde das „Landhaus“ dimensioniert. Allerdings unterscheidet es sich durch ein wesentlich höheres Steildach, welches als Sattel-, Mansard- Walm- oder Krüppelwalmdach und in Mischformen ausgebildet wurde. Daraus ergab sich im Wesentlichen auch die andere Eindeckung mit Dachziegeln. Die Landhäuser entstanden in ihren Grundrissen entgegen dem Loggiahaus harmonisch von innen nach außen. Zu den Landhäusern wird in vielen Abhandlungen auch das „Schweizerhaus“ zugeordnet. Ein solches wurde so auch von Schinkel 1835 in der Stubnitz auf Rügen errichtet. Prägend dabei: die Laubsägearchitektur und ein weit überstehendes Dach.

Über den Einsatz von Elementen des Schweizerhauses weiß Friedrich Hitzig, der Architekt des Schlosses Dwasieden, in seinem Heft zu den ausgeführten Bauwerken wie folgt zu berichten: „Der Bauherr, ein Kaufmann und Holzhändler, hatte ein ländliches Grundstück gekauft, auf welchem sich ein aus ausgemauertem Fachwerk mit hohem Ziegeldach erbautes einstöckiges Gebäude befand, welches früher als Gasthof benutzt worden war. Es wurde gewünscht, dass das Äußere des Gebäudes ein malerisches Ansehen erhalten möge, da die Lage desselben romantisch zu nennen ist. Da nun dem Besitzer als Holzhändler das Holz als Material am wenigsten kostbar wurde, so schien es in diesen Beziehungen am zweckmäßigsten, für das Äußere den Schweizerhausstil zu wählen.“ (Berlin, 1850) Einschränkend muss man heute jedoch sagen, dass dieser alternative Baustoff einer sachgerechten Pflege bedarf, da sich angefaulte Verbindungen mit der Zeit lösen können und so zum Verfall des ganzen Gebäudes beitragen.

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Holzhäuser wurden damals sogar als Fertigteilhäuser angeboten, wie von der 1868 in Wolgast gegründeten Firma des Schiffbaumeisters Heinrich Kraeft. Man verkaufte die Häuser aus amerikanischen und kanadischen Nadelhölzern unter anderem auf Rügen und Usedom. Ihre Konstruktions- und ornamentale Gestaltung wurde im Zuge der bereits erwähnten Norwegenbegeisterung durch die nordisch-wikingschen Schiffbau- und Stabkirchenkonstruktionen beeinflusst.

Der Gestaltungsvielfalt waren in der „Bäderarchitektur“ also in der zweiten und dritten Phase keinerlei Grenzen gesetzt. Ergänzend soll kurz auf eine Vielzahl unterschiedlichster Türme und Türmchen eingegangen werden. Natürlich kam ihnen keine praktische Bedeutung zu. Sie krönten vielmehr sich über zwei oder mehrere Geschosse ziehende Erker. Neben den Turmdächern mit rechteckigem Grundriss erfreuten sich auch Türme mit geschweifter Außenform einer großen Beliebtheit. Zudem waren Türme zu finden, die sich in ihrer Grundkonstruktion dem Mansardendach verschrieben hatten. Meist nahmen sie dabei die bereits gewählte Dachform wieder auf. Der reichen architektonischen Ausprägung kam die industrielle Revolution zu Gute, denn längst konnte man die zur Ausstattung benötigten Zierelemente aus Zink per Musterkatalog bestellen. Die Zinkornamentfabriken pressten alles – vom Turmzaungeländer bis zum passenden Mansardendach.

Rückblickend erscheinen uns die stilistischen Übergänge zwischen Orientalismus, Gründerzeit, Klassizismus und anderen gängigen Formen fast fließend. Schwerlich sind sie daher auch streng getrennt zu betrachten. Doch soll dieser kleine Streifzug eine erste Anregung sein, sich mit der jüngeren Architektur auf Rügen und an der pommerschen Küste zu befassen.

(Quelle: "Rügen", Volkshochschule Rügen, 2005)

 

Weiterführende  Artikel:


baederarchitekturSerie "Spur der Steine"

Teil 4: "Was ist Bäderarchitektur?"

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Erstpublikation: "á la carte" 09/2007

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